Somalia: Der Garten der verlorenen Seelen von Nadifa Mohamed

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Genre: Belletristik

Format: Taschenbuch

Verlag: dtv

Seitenzahl: 272

Originaltitel: The Orchard of Lost Souls

Übersetzerin: Susann Orban

Klappentext: Sie könnten Feindinnen werden, schließen jedoch stattdessen ein unsicheres Bündnis des Überlebens. Kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs führt das Schicksal drei Somalierinnen unwiderruflich zusammen: die neunjährige Dequo, die aus dem Flüchtlingslager, in dem sie geboren ist, in die Stadt flieht; Kawsar, eine einsame Witwe, die um ihre Tochter trauert und an ihr Bett gefesselt ist, und Filsan, eine junge Soldatin, die mithelfen soll, den Aufstand zu unterdrücken. Die drei werden in die blutigen Kämpfe zwischen Regierung und Aufständischen hineingezogen, bis es nur noch um das nackte Überleben geht.

Meinung: Nadifa Mohamed wurde in Hargeisa in Somalia geboren. Diese Stadt gehört heute zu Somaliland, ein Teil Somalias, der sich abspaltete, aber nicht als unabhängiger Staat angesehen wird. Als sie ein Kind war, zog ihre Familie nach London, wo diese nur kurz bleiben wollte. Dann brach Krieg in Somalia aus und die Familie musste permanent im Vereinigten Königreich bleiben. 2009 veröffentlichte sie ihren Debütroman Black Mamba Boy, der die Lebensgeschichte ihres Vaters erzählt. Black Mamba Boy wurde zu einem internationalen Bestseller und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2013 erschien Nadifa Mohameds zweiter Roman The Orchard of Lost Souls, der die Geschichte Somalias während des Ausbruchs des Kriegs erzählt.

Die Lektüre von Der Garten der verlorenen Seelen machte mir klar, dass Nadifa Mohamed zurecht mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Sie ist wirkliche eine tolle Autorin. Mohamed hat einen fantastischen Schreibstil. Sie beschreibt die Welt gut, sodass ich mich in Hargeisa herein versetzt fühlte. Es wurde auch deutlich, wie sich die Stadt im Laufe der Zeit, vor allem als der Krieg ausbricht, veränderte. Mohameds Schreibstil war schön und blumig, ohne dabei kitschig zu werden.

Ein weiteres Highlight war für mich, dass Der Garten der verlorenen Seelen einen Fokus auf drei verschiedene Frauen legte. Der Großteil der Nebencharaktere waren auch Frauen. Diese Frauen führen allesamt unterschiedliche Leben und haben verschiedene Persönlichkeiten. Filsan ist eine starke Unterstützerin von Siad Barre, dem kommunistischen Diktator, der zu diesem Zeitpunkt über Somalia regierte. Kawsar dagegen hasst das Regime und macht es für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Dequo ist eine Weise und ein Straßenkind und kämpft nur um das Überleben, dabei ist ihr egal, wer an der Macht ist. Diese drei Frau sind unterschiedlich, doch sie werden durch das Schicksal zusammengeführt. Entgegen dem, was der Klappentext andeutet, passiert dies erst gegen Ende des Romans. Während des Großteils der Handlung führen sie alle unterschiedliche Leben und interagieren kaum miteinander.

Die Teile des Romans, in dem sie alle getrennte Leben führen, waren von unterschiedlicher Qualität. Dequo muss sich auf der Straße durchkämpfen, dennoch verliert sie nie ihre Fröhlichkeit. Sie bleibt trotz allem, was ihr passiert, optimistisch. Filsan ist eine enthusiastische Unterstützerin des Regimes, doch muss im Laufe der Zeit ihre Unterstützung für dieses infrage stellen. Zudem will sie eine erfolgreiche Soldatin sein. Sie glaubt, in einem kommunistischen Land als Frau dieselben Chancen zu haben, aber wird mit einigem an Sexismus im Militär konfrontiert. Filsans anhaltende Charakterentwicklung war gut und glaubwürdig geschrieben.

Am wenigsten gefiel mir die Geschichte von Kawsar. Sie wird von einer Soldatin des Regimes brutal zusammengeschlagen und kann danach nicht mehr laufen. Aus diesem Grund kümmert sich die Verwandte einer Freundin um sie und wird zu Kawsars Pflegerin. Kawsar ist ohne Grund gemein zu ihrer Pflegerin und ist die gesamte Zeit unfreundlich ihr gegenüber. Dies lag vor allem daran, dass ihr der Lebensstil der Pflegerin nicht gefiel. Dieser Konflikt zwischen den beiden war unnötig und stellenweise schwer nachvollziehbar. Es machte keinen Spaß zu lesen, wie sich die beiden die gesamte Zeit ankeiften. Zum Glück wurde dies im Verlaufe der Geschichte besser.

Ein positiver Aspekt von Der Garten der verlorenen Seelen war, dass der Roman gut das Leben von Frauen in einer Gesellschaft die sich als gleich gibt, aber faktisch noch sexistisch ist, aufführt. Außerdem zeigte er, wie sich die Situation von Frauen mit verschiedenen Entwicklungen, vor allem mit einem Kriegsausbruch veränderte. Hier machte Nadifa Mohamed deutlich, wie sich Krieg auf Frauen auswirkt.

Ebenso wurde die sich verändernde Lage in Somalia gut beschrieben. Anfangs ist die Situation in dem Land bereits angespannt, aber die meisten Menschen führen noch ein relativ normales Leben. Dies bricht gegen Ende des Romans in einen Bürgerkrieg aus. Hier zeigt Nadifa Mohamed schonungslos den Horror des Kriegs auf. Diese Seiten der Handlung sind nichts für schwache Nerven. Zudem ist es nicht nur ein Krieg, zeitgleich begehen die Regierungstruppen einen Genozid.

Von 1987 bis 1989 verübten die Regierungstruppen einen Genozid am Isaaqclan und ermordeten zwischen 50.000 und 100.000 Menschen. Während dieses Genozids wurde die Stadt Hergeisa zu 90% zerstört und Ähnliches geschah mit anderen Städten, in denen viele Isaaq lebten. Zusätzlich flohen zahlreiche Menschen in das benachbarte Äthiopien. Der Isaaqgenozid gilt als ein vergessener Genozid. Es ist gut, dass Nadifa Mohamed ihren Roman nutzt, um auf ihn aufmerksam zu machen.

Ein kleiner Kritikpunkt wäre hier nur, dass das Ende und die immer schlimmer werdende Situation abrupt kam und auf wenigen Seiten abgehandelt wurde. Dies hätte besser ausgearbeitet werden können.

Insgesamt war Der Garten der verlorenen Seelen ein guter Roman. Ich mochte Nadifa Mohamed und den Fokus, den sie auf komplexe weibliche Charaktere und ihre Beziehungen legte. Außerdem lernte ich in dem Roman einiges über die Geschichte Somalias und einen vergessenen Genozid. Der Garten der verlorenen Seelen inspirierte mich dazu mehr über diese Themen zu recherchieren. Ich kann diesen Roman definitiv empfehlen.

4 Gedanken zu “Somalia: Der Garten der verlorenen Seelen von Nadifa Mohamed

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