Wo bleiben die Frauenfreundschaften in der SFF Literatur?

Hallo ihr Lieben,

diesen Monat veranstaltete Nico von Buchwinkel einen Themenmonat über Feminismus; den Feministischen September. Mehr Informationen könnt ihr hier finden. Im Zuge dieses Themenmonats entschied ich mich, über ein Thema zu schreiben, welches mich  seit längerem bewegt: Das Fehlen von Frauenfreundschaften in der Science Fiction und Fantasy (SFF) Literatur.

Frodo und Sam (Der Her der Ringe), Rand, Perrin und Mat (Das Rat der Zeit), Jon Snow und Samwell Tarly (Das Lied von Eis und Feuer), Locke Lamora und Jean Tannen (Gentleman Bastard Reihe). Dies sind ein paar Beispiele von innigen Freundschaften zwischen männlichen Charakteren in Fantasybüchern. Im Englischen werden solche engen Beziehungen als „Bromance“ beschrieben. Bromances kommen nicht nur im Fantasygenre, sondern in allen Unterhaltungsgenres vor. Die hier angeführten Beispiele gefallen mir alle und die genannten Bücher gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Leider fallen mir in der Fantasy und Science Fiction Literatur keine vergleichbaren Beispiele mit Frauenfreundschaften ein. Das Wort „Sismance“ gibt es nicht.

Die Autoren der hier genannten Bücher sind alle Männer. Wenn ich über SFF Bücher von Autorinnen nachdenke, fallen mir kaum Beispiele von Frauenfreundschaften ein.  In Harry Potter gibt es die Freundschaft zwischen Harry, Ron und Hermine. Lobenswert ist hier, dass es J.K. Rowling mit Harry und Hermine schaffte eine Beziehung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Charakter zu schreiben, die sich nicht zu  einer Romanze entwickelte. Leider schaffen es viele Autor_innen nicht Bücher zu schreiben, in denen Männer und Frauen nur Freunde  sind, aber das ist ein anderes Thema. In The Stars are Legion von Kameron Hurley sind alle Charaktere weiblich. Die Protagonistin reist mit mehreren weiblichen Charakteren und verbringt viel Zeit mit ihnen. Mit den oben genannten Bromances lässt die Beziehung zwischen der Protagonistin Zan und anderen Charakteren nicht vergleichen. Ähnlich ist es mit der Broken Earth Trilogie von N.K. Jemisin, oder Who fears Death  von Nnedi Okorafor..

Im Folgenden möchte ich mich mit den Gründen auseinandersetzen, warum es kaum Frauenfreundschaften in SFF Romanen gibt.

Einzelne Frauencharaktere und der Bechdel Test

1985 entwarf die US-amerikanische Cartoonzeichnerin Alison Bechdel den sogenannten Bechdel den sogenannten Bechdel Test. Dieser setzt sich mit der Repräsentation von weiblichen Charakteren in Filmen auseinander. Er lässt sich auch gut für Bücher verwenden. Um den Test zu bestehen, muss eine Geschichte das folgende Kriterium erfüllen:

  1. Es gibt Mindestes zwei Frauenfiguren
  2. Sie unterhalten sich miteinander
  3. Sie unterhalten sich über etwas anderes als einen Mann

Der Bechdeltest sagt nichts darüber aus, wie diese Charaktere geschrieben sind, oder ob die Geschichte nicht andere sexistische Tropes verwendet. Dennoch schaffen es viele Filme, Serien und Bücher nicht den Bechdel Test zu erfüllen.  Dies liegt daran, dass Geschichten nicht genügend Frauencharaktere enthalten. Es gibt immer noch zahlreiche Geschichten, die keinen oder nur einen einzigen Frauencharakter enthalten. Bei den meisten Geschichten liegt der Anteil an weiblichen Charaktere unter 50 %. Wenn es weibliche Charaktere gibt, unterhalten sich diese über ein Thema: Männer. Schließlich gibt es für uns Frauen kein wichtigeres Thema. s.

In anderen Fällen gibt es weibliche Charaktere, oder eine Protagonistin, aber dieser Charakter ist von männlichen Charakteren umgeben. Es kommen in ihrem Umfeld keine weiteren, oder nur wenige Frauencharaktere vor. Sie verbringt die meiste Zeit mit Männern. Lasst mich dies anhand von Wonder Woman verdeutlichen. Wonder Woman ist ein toller, feministischer Film und schaute ihn mir mehrmals an. Dennoch habe ich einen kleineren Kritikpunkt an ihm: Der Film erfüllt eindeutig den Bechdeltest. Es gibt mehre Szenen von Diana und anderen Frauen. Allerdings verbringt Diana den Großteil des Films mit Männern. Auf ihrer Heldinnenreise wird sie ausschließlich von Männern  begleitet. Hätte einer dieser Charaktere nicht eine Frau sein können, die zu Dianas Freundin wird? Ähnlich wie Diana ergeht es vielen Heldinnen.

Ein Beispiel aus Fantasyliteratur wäre Opfermond von Elea Brand. Dieser deutsche Fantasyroman besteht ebenfalls den Bechdeltest und enthält interessante Frauenfiguren, aber keine Frauenfreundschaften. Die Protagonistin Idra ist ein komplexer Charakter und es gibt Szenen mit ihr und anderen weiblichen Charakteren. Die Charaktere mit denen sie die meiste Zeit verbringt und diejenigen, denen sie am nächsten steht, sind Männer.

Not like other girls trope

Dass es wenige Frauenfreundschaften in der SFF Literatur gibt, hängt zudem damit zusammen, wie Protagonistinnen in Büchern Filmen und Serien dargestellt werden. Viele Protagonistinnen erfüllen die sogenannte „not like other girls“ trope. Ein solcher Charakter legt wert darauf anders als andere Frauen und Mädchen zu sein. Es sind Charaktere, die sich gegen die gegebenen Geschlechterrollen auflehnen – eigentlich etwas Gutes. Sie sind Kämpferinnen, tragen Hosen, hassen Kleider Röcke und Make-Up, sowie alles weitere das als weiblich gilt. Sie verachten Frauen, die „typisch weiblichen“ Aktivitäten nachgehen. Oft sagen sie explizit, dass sie stolz darauf sind, anders als andere Frauen zu sein.

Ein gutes Beispiel wäre Arya Stark aus der Fernsehserie Game of Thrones. Sie will kämpfen lernen, anstatt am Nähunterricht teilzunehmen.  Sie will auf keinen Fall einen Lord heiraten, wie es sich für Frauen in der Gesellschaft gehört. Sie verachtet ihre Schwester Sansa dafür, dass diese „typisch weibliche“ Aktivitäten mag. Arya ist stolz darauf, nicht wie andere Mädchen zu sein. Dies sagt sie direkt:

Tywin: “ Aren’t most girls interested in the pretty maidens from the songs? Jonquil, flowers in her hair?“

Arya: „Most girls are idiots“

Game of Thrones Staffel 2 Episode 7

Die „not like other girls“ Trope versucht die entsprechenden Charaktere und Handlungsstränge als feministisch darzustellen. Dies mag sie auf den ersten Blick stimmen. Immerhin lehnen sich die Charaktere, die sie erfüllen gegen patriarchale Normen und das bestehende Frauenbild auf.

Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass diese Trope alles andere als feministisch ist. Sie wertet sämtliche „typisch“ weiblichen Aktivitäten und Verhaltensweisen ab. Hier wird die Botschaft transportiert, dass ein Mädchen oder eine Frau nur gut ist, wenn sie sich wie ein Mann verhält. Das „männliche“ wird gefeiert, dass „weibliche“ verachtet. Dabei ist es möglich gerne zu nähen und Feministin zu sein.

Wie ein weiblicher Charakter, der „typisch weibliche“ Aktivitäten nicht mag, geschrieben werden kann, ohne diese Aktivitäten abzuwerten, zeigt die Buchvorlage zu Game of Thrones. In A Song of Ice and Fire näht Arya nicht gerne und will keinen Lord heiraten. Stattdessen würde sie lieber lernen zu kämpfen. Gleichzeitig verachtet sie keine Frauen, die sich „typisch weiblich“ verhalten. Sie ist neidisch, auf ihre Schwester Sansa und, darauf dass diese gut nähen kann. Arya verachtet Frauen nicht, die singen und nähen, es entspricht nur nicht ihren eigenen Stärken. Die Buch!Version von Arya ist nicht der Ansicht, dass die meisten Frauen Idiotinnen sind. Stattdessen sagt sie:

The woman is important, too.

A Game of Thrones. P.73 Hardcover Edition

Dadurch, dass Protagonistinnen öfters in diese Trope fallen,  ist es für sie unmöglich mit anderen Frauen Freundschaften zu schließen. Sie verachten diese und sind in der Regel nicht daran interessiert mit anderen Frauen viel Zeit zu verbringen. Anstatt Frauen, die sich gegenseitig verachten, wünsche ich mir in mehr Frauen, die sich gegenseitig unterstützen.

Women are catty trope

Das englische Word „catty“ lässt sich mit gehässig, heimtückisch oder stutenbissig übersetzen. Hinter dieser Trope versteckt sich die Annahme, dass Frauen im Wettbewerb miteinander stehen. Es wird angenommen, dass Frauen gegeneinander, anstatt miteinander arbeiten. Viele Geschichten mir mehreren weiblichen Figuren verwenden diese Trope. Gibt es mehrere weibliche Figuren in einer Geschichte müssen diese mit einander einen erbitterten Konkurrenzkampf führen. In der Regel geht es in dem Konkurrenzkampf um einen Mann, um dessen Aufmerksamkeit die Frauen buhlen *großes Augenrollen*.

Als Beispiel verwende ich hier die Wheel of Time Reihe von Robert Jordan. Die Reihe gehört zu meinen Lieblingsreihen. Sie enthält jede Menge Frauenfiguren und einige Frauenfreundschaften. Allerdings löst die Art und Weise, wie Robert Jordan Frauen schreibt Belustigung bei mir aus. Die weiblichen Charaktere verbringen in der Reihe, viel Zeit damit miteinander zu streiten (definitiv mehr als die männlichen. Es gibt mehrere Fälle, in denen sich Frauen wegen Männern zanken: Das beste Beispiel von Frauen, welche die“women are catty“ Trope erfüllen ist die Red Ajah. In der Welt von The Wheel of Time sind Magierinnen in verschiedenen Gesellschaften (sogenannte Ajahs) unterteilt. Den Frauen, welche der Roten Ajah angehören, ist es in der Regel verboten Freundschaften mit Frauen außerhalb ihrer Ajah zu haben. Sie sind mit den meisten anderen Frauen (Männer hassen sie) verfeindet und haben selten positive Interaktionen mit ihnen.

Die „women are catty“ trope ist sexistisch und beruht auf der Annahme, dass Frauen keine positiven Interaktionen miteinander haben können. Wenn die Frauen sich wegen eines Manns streiten, sorgt dies dafür, dass Männer das einzige sind, was Frauen interessiert. Frauenfreundschaften werden durch die Verwendung dieser Trope unmöglich. Selbst kurzen positiven Szenen zwischen mehreren weiblichen Charakteren gibt es kaum Raum.

Schlussfolgerung

Es gibt mehrere Gründe, warum sich wenige Frauenfreundschaften in der SFF Literatur finden lassen. Zum einen fehlt es in vielen Romanen an weiblichen Charakteren. Selbst wenn es eine Protagonistin gibt, ist sie ausschließlich von Männern umgeben. Eine gute Methode, um für mehr Frauenfreundschaften in den Genres zu sorgen, ist den Anteil an weiblichen Figuren in SFF Romanen größer zu machen (ideal wäre es, wenn 50 % der Charaktere eines Romans weiblich wären) Nicht nur mehr Protagonistinnen, sondern mehr weibliche Nebencharaktere sind nötig. Zusätzlich wäre es schön, wenn diese Charakter weder unter die „not like other girls“ noch unter die „women are catty“ Trope fallen. Durch die Vermeidung dieser Tropes, lassen sich sexistische Rollenmuster vermeiden und es könnten mehr positive Interaktionen zwischen Frauenfiguren Zustandekommen. Ich hoffe, in Zukunft mehr Frauenfreundschaften in Romane aus den SFF Genres zu sehen.

Was meint ihr? Fehlen euch die Frauenfreundschaften in Sci-Fi und Fantasy Romanen? Fallen euch ein paar positive Beispiele ein?

Weitere Links (auf Englisch)

Ein kurzes Video, dass den Bechdel Test gut erklärt.

Eine Website, die Filme auflistet und prüft ob sie den Bechdeltest bestehen

Eine längere Erklärung der Not like other Grils Trope mit Beispielen auf TV Tropes

Ein guter Blogartikel über die Not like other Girls Trope

Eine gute Analyse der Women are catty trope mit Analyse Anhand von GoT (CN Vergewaltigung)

13 Gedanken zu “Wo bleiben die Frauenfreundschaften in der SFF Literatur?

  1. Hallöchen!
    Ein sehr beeindruckendender, toll recherchierter Beitrag! Mir fehlen tatsächlich allgemein oftmals Freundschaften in Büchern, ganz gleich ob unter Männern, Frauen, oder gemischt. Vieles ist auf die große Liebe, auf Konkurrenz oder auf Alleingang getrimmt.

    Ein wirklich tolles Fantasybeispiel hätte ich aber doch für dich zum Thema Freundschaft unter Frauen. Mark Lawrence‘ Reihe um die Waffenschwestern hält viele, viele starke Frauenrollen parat, die sich zwar nicht alle verstehen, bei denen es aber wirklich auch großartige Freundschaften gibt.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Gabriela,
      danke für das Liebe Kompliment.
      Um Mark Lawrence schleiche ich schon ewig rum. Ich hatte nicht viel Gutes über die Darstellung von Frauen in seiner „Prinz der Dunkelheit“ Reihe gehört, aber dann viel Positives über „Waffenschwestern“. Vielleicht werde ich mir letztere Reihe mal genauer anschauen.

      LG
      Elisa

      Gefällt 1 Person

  2. Nico aus dem Buchwinkel

    Liebe Elisa,

    erst einmal vielen Dank für deinen Beitrag zum #femtember. Zweitens: WOW! Was für ein interessantes Thema und wie großartig ist dieser Artikel bitte recherchiert? Ich bin total begeistert und kann mit den Punkten absolut übereinstimmen.
    Gleichzeitig möchte ich dir ein paar – in meinen Augen – positive Gegenbeispiele nennen. Eins hat Gabriela schon genannt: Die Waffenschwestern-Reihe von Mark Lawrence mit Nona und ihren anderen Novizinnen. Außerdem Mia Corvere und Ashlinn in der Nevernight-Trilogie von Jay Kristoff. Und ein aktuelles Beispiel: Rikke und Isern-i-Phail in „A Little Hatred“ von Joe Abercrombie. Das lese ich gerade und es ist absolut großartig (und ziemlich feministisch!) 🙂

    Ich habe deinen Artikel auf die Übersichtsseite zum feministischen September gestellt:
    https://buchwinkel.de/der-feministische-september-ueberblick/

    Liebe Grüße, Nico

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Nico,

      vielen dank für die lieben Komplimente. Ich werde ganz rot.
      Ich bin ganz neidisch, dass du schon „A little Hatred“ liest. Das will ich auch noch lesen, aber vorher muss ich nochmal die anderen Bände der Reihe Re-readen. Es freut mich auf jeden Fall zu hören, dass es darin eine tolle Frauenfreundschaft gibt.

      LG
      Elisa

      Liken

  3. Huhu 🙂
    Ein klasse Beitrag!! Ich habe bisher ehrlich gesagt nicht wirklich darauf geachtet, aber das werde ich in Zukunft auf jeden Fall öfter tun.
    Ich denke Priory of the Orange Tree von Samantha Shannon ist ein recht gutes Beispiel. Allgemein ist das Buch voll von fantastisch geschriebenen Frauenfiguren, die die unterschiedlichsten Beziehungen zueinander haben 🙂
    Alles Liebe
    Kat

    Gefällt 2 Personen

  4. Was für ein toller Beitrag, der mir aus der Seele spricht!
    Mir fällt leider keine Frauenfreundschaft auf die schnelle aus der Literatur ein, eher denke ich an „Thelma und Louise“. Mich stört es auch immer, dass Frauen in Büchern als stutenbissig dargestellt werden und nur eine Daseinsberechtigung haben, wenn sie jemanden anhimmeln können.
    Ich hoffe, dass sich das bald ändern wird.
    Ganz liebe Grüße! 🙂

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Gastbeitrag von Nico im Buchwinkel: Meine literarischen Heldinnen. – Female Writers Club. Feministische Bücher.

  6. Darüber habe ich so noch nie drüber nachgedacht und wenn ich ehrlich bin, fällt mir jetzt auch kein gutes Beispiel ein. Obwohl, Terry Pratchett vielleicht mit den Hexen. Aber im Generellen sind Frauen auch bei ihm etwas unterrepräsentiert.
    Danke frür den interessanten Beitrag.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

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