Tel Aviv Tag 2

Hallöchen ihr Lieben,

heute folgt der zweite Beitrag über meinen Tel Aviv Besuch mit meiner guten Freundin Shahar. Den ersten Teil könnt ihr hier nachlesen. Der Morgen begann mit einem leckeren Frühstück, welches uns Shahars Großmutter zubereitet hatte. Anschließend verließen wir das Haus. Da ich nachmittags zurück nach Lahav fahren musste, hatten wir uns dieses Mal nicht viel vorgenommen, wie am Tag zuvor.

Gemeinsam mit Shahars Großeltern fuhren wir zum Ariel Sharon Park, der sich südöstlich von Tel Aviv befindet. Bei dem Park handelt es sich um ein besonderes Projekt. Vor ca. 20 Jahren befand sich an seiner Stelle noch eine Mülldeponie. An der Stelle, wo heute der Park liegt, wurde Jahrzehnte lang der Müll aus der Umgebung gesammelt. Der Müll wuchs zu einem 60 Meter hohen Berg an. Touristen, die vom Ben Guiron Flughafen nach Tel Aviv fuhren, konnten ihn auf der Fahrt sehen und riechen, was ihnen keinen guten ersten Eindruck von der Stadt vermittelte. Die Deponie stellte  den Betrieb ein und 2004 wurde mit einer Ausschreibung nach Projekten gesucht, um sie in etwas Positives umzuwandeln. Es gewann die Idee die Deponie in einen Park umzuwandeln. Das Projekt wurde stark von dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon unterstützt, nach dem der Park später benannt wurde.

Der Müll wurde nicht entfernt, um den Park zu bauen. Stattdessen wurde der Park über ihm gebaut. Teile des Mülls wurden weiterverwendet, um daraus Wege, Bänke oder Statuen zu bauen.

Shahar und ich spazierten gemeinsam mit ihren Großeltern durch den Park, der  wunderschön ist. Es fällt nicht auf, dass er sich anstelle einer ehemaligen Mülldeponie befindet. Im Park gibt es Schilder, die seinen Wandel von einer Deponie zu einem Park erklären. Leider waren in dem Park weniger Besucher. Ich hoffe, dass dies daran lag, dass wir Mitten in der Woche vormittags da waren. Der Park ist äußerst sehenswert. Hier seht ihr Bilder aus dem Park:

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Vom Park fuhren wir weiter zum Babylonian Jewry Heritage Center, welches in Or Yehuda, einem Vorort von Tel Aviv liegt. Das Center betreibt ein Archiv, Forschungsinstitut, Bibliothek und Museum über die Geschichte und Kultur irakischer Jüd_innen. Unser Ziel war das Museum.

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Der Eingang des Babylonian Jewry Heritage Center

An dieser Stelle muss ich mir einen kleinen Exkurs erlauben, da ich schätze, dass die meisten von euch vom Thema des Museums keine Ahnung haben (hatte ich vor meinem Besuch auch nicht). Jüd_innen lebten im Gebiet des heutigen Iraks seid der Zeit des babylonischen Exils um ca. 586 v. Chr. Damit zählt die irakisch jüdische Gemeinde zu einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Welt. Die babylonische Talmud, einer der wichtigsten Texte des Judentums, wurde im Gebiet des heutigen Irak verfasst. Die Situation der Jüd_innen in dem Land wechselte im Laufe der Jahrtausende stark. Es gab blühende Epochen, aber es gab Zeiten, zu denen die Gemeinde stark litt.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten ca. 140 000 Jüd_innen im Irak und die Bevölkerung Bagdads war zu 30 % jüdisch. Damit hatte die Stadt einen höheren jüdischen Bevölkerungsanteil als Warschau oder New York! Zwei Städte, die als Zentrum jüdischen Lebens galten. Sir Sassoon Eskell, der erste Finanzminister des Irak war ein Jude. Ab den 1930er Jahren verschlechterte sich die Situation der Jüd_innen im Irak und es kam verstärkt zu Diskriminierungen und  antisemitischen Ausschreitungen. Gleichzeitig wurde Nazi-Propaganda zunehmend im Irak (und anderen arabischen Gebieten) verbreitet.

Im Juni 1941 kam es, während des jüdischen Fests Schawuot, zu einem Pogrom der sogenannten Farhud (arabisch für gewaltsame Enteignung). Dieser wurde von pro-Nazi  Gruppierungen im Irak angestiftet. Die genaue Zahl an Jüd_innen, die während der Fahrhud ermordet wurden, ist umstritten und liegt zwischen 200-700. Viele weitere Jüd_innen wurden verletzt und ihre Geschäfte und Häuser geplündert. Der Pogrom ist mit den Novemberpogromen vergleichbar und wird manchmal als Teil des Holocausts eingestuft, wobei dies umstritten ist. Die Farhud läutete den Anfang vom Ende für die jüdische Gemeinschaft im Irak ein.

Nach der Staatsgründung Israels verschlechterte sich die Lage der Jüd_innen im Irak. Sie wurden aus dem Staatsdienst und aus Ölfirmen entlassen, Bankgeschäfte wurden ihnen verboten, jüdische Geschäfte wurden boykottiert und auf sämtliche zionistische Aktivitäten standen Strafen. Außerdem wurde sämtlichen Jüd_innen sämtliche Jüd_innen die Ausreise verboten. Es gab zu diesem Zeitpunkt einen gut organisierten zionistischen Untergrund. Dieser schmuggelte Tausende von Jüd_innen aus dem Land.

1951 wurde es irakischen Jüd_innen gestattet das Land zu verlassen, vorausgesetzt sie gaben ihre irakische Staatsbürgerschaft und den Großteil ihres Eigentums auf. Da es zuvor mehrere Bombenangriffe auf jüdische Einrichtungen in Bagdad gegeben hatte, wollten viele Jüd_innen fliehen. Israel organisierte einen Lufttransport (genannt Operation Esra und Nehemia) mit dem über 120.000 Jüd_innen das Land verließen und nach Israel flohen. Es blieben nur unter 10.000 Jüd_innen im Land.

Die Restriktionen ihnen gegenüber nahmen zu, vor allem nach dem Sechs Tage Krieg 1967. Zahlreiche Jüd_innen (und einige nicht- Jüd_innen) wurden,  unter fabrizierten Anschuldigungen für Israel zu spionieren, verhaftet und gefoltert. 1969 wurden 14 „Spione“ (darunter 3 Muslime und 2 Christen) auf einem zentralen Platz in Bagdad vor den Augen Tausender Schaulustiger erhängt. Aufgrund zunehmenden internationalen Drucks erlaubte der Irak in den 1970er Jahren den meisten Jüd_innen das Land zu verlassen. 2014 lebten noch 5 Jüd_innen im Irak, wobei dies alles ältere Leute sind, die inzwischen verstorben sein könnten. Von den einst großen jüdischen Gemeinden im Irak ist nichts mehr übrig. Die meisten irakischen jüd_innen leben heute in Israel, aber es gibt kleinere Irakischjüdische Gemeinden in Australien und Kanada.

In Israel angekommen mussten die meisten irakischen Jüd_innen in Zeltstädten leben. Es flohen viele Flüchtlinge gleichzeitig in den jungen Staat Zum einen wanderten viele Holocaustüberlebende von Europa nach Israel aus. Zum anderen flohen Jüd_innen aus  anderen Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten, oder wurden von dort vertrieben. Es kam neben dem Irak zur Flucht und Vertreibung von Jüd_innen aus Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jemen, Libanon, Syrien und nach der Islamischen Revolution dem Iran. Insgesamt flohen 900.000-1.000.000 Jüd_innen aus diesen Staaten. Manche ließen sich in Europa oder Nordamerika nieder (der Großteil der Jüd_innen Frankreichs sind Jüd_innen aus Marokko, Algerien und Tunesien), doch der Großteil fand in Israel eine neue Heimat.

Israel verfügte nicht über genügend Ressourcen, um sich gut um die Neuankömmlinge zu kümmern. Gleichzeitig waren die Jud_inen aus arabischen Staaten und dem Iran starkem Rassismus vonseiten der Jüd_innen aus Europa ausgesetzt. Dadurch blieben die Jüd_innen aus Nordafrika und dem Nahen Osten lange Zeit benachteiligt. Mittlerweile hat sich ihre Lage verbessert. Heute mach Jüd_innen aus arabischen Staaten und dem Iran über 50 % der jüdischen Bevölkerung  Israels aus. Zu Jüd_innen mit irakischen Wurzeln gehören die israelische Justizministerin, mehrere Ex-Armeechefs, sowie zahlreiche Musiker_innen und Schauspieler_innen und die Gründer_innen des Museums.

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Torarollen, die aus dem Irak nach Israel gebracht wurden.

Im Museum gibt es viele Objekte, die irakische Jüd_innen nach Israel brachten. Dazu gehören sowohl religiöse Objekte als auch Kleidung und Alltagsgegenstände. Das Museum erklärt zuerst die alte Geschichte der Jüd_innen im Irak, dann arbeitet es sich in die Moderne vor. Es werden das die verschiedenen Facetten jüdischen Lebens im Irak Anfang des 20. Jahrhunderts beleuchtet, unter anderem Bildung, Politik, Musik und Sport.

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Nachbau des jüdischen Viertels in Bagdad

Als Nächstes folgte ein Nachbau des jüdischen Viertels in Bagdad. Dort wurden einzelnen Häuser und Geschäfte nachgebaut und es zeigt verschiedenen Berufe, in denen irakische Jüd_innen arbeiteten. Der nächste Teil des Museums bildet ein beeindruckender Nachbau des Inneren, der Großen Synagoge Bagdads. Dort durfte ich keine Fotos machen, aber es sah wunderschön aus. Um den Nachbau herum wurde das religiöse Leben der Jüd_innen in Bagdad anhand der verschiedenen jüdischen Feiertage.

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Kleidung von irakischen Jüd_innen

Der nächste Abschnitt des Museums beschäftigt sich mit dem Privatleben irakischer Jüd_innen und zeigt, wie ein typischer Haushalt aussah. Dort befinden sich Kleidungsstücke, Möbel und ganze nachgebaute Zimmer.

Anschließend folgt ein Abschnitt über die Verfolgung von Jüd_innen im Irak. Es gibt ein Zimmer über die Farhud, mit Videos in denen Augenzeug_innen über ihre Erlebnisse berichten, sowie Zimmer über zionistische Untergrundbewegungen.

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Koffer mit den Objekten, die Jüd_innen aus dem Irak nach Israel mitnahmen.

Der letzte Teil des Museums behandelt die Ankunft der irakischen Jüd_innen in Israel, außerdem gibt es kleinere, wechselnde Ausstellungen.

Insgesamt war das Museum ein absolutes Highlight meines Israelaufenthalts. Es gehört nicht zu den typischen Touristenzielen, aber ich kann es wärmstens empfehlen. Das Babylonion Jewry Heritage Center beschäftigt sich mit Themen, die selten Aufmerksamkeit bekommen, doch äußerst interessant sind. Zudem ist es liebevoll und detailliertet gestaltet.

Nach dem Besuch des Museums, war es Zeit für mich zu gehen. Shahars Großvater holte uns beim Museum ab und brachte mich von da aus zum Bahnhof. Wir hatten 2 tolle Tage zusammen, bei denen ich viel von Tel Aviv sah.

 

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