Uguanda: Kintu von Jennifer Nansubuga Makumbi

Genre: Belletristik, Magischer Realismus
Seitenzahl: 446
Format: Softcover
Verlag: Transit Books
Erscheinungsjahr: 2017
Der Roman erzählt die Geschichte Ugandas von der Zeit vor der Kolonialisierung bis in die Gegenwart. Diese Geschichte wird durch das Leben des Kintu Clans erzählt, der unter einem Fluch leiden soll. Die Handlung beginnt im Jahre 1750 als Kintu Kidda sich auf dem Weg in die Hauptstadt macht, um einem neuen König die Treue zu schwören. Dabei zieht er einen Fluch auf sich und seine Nachkommen. Kintu handelt davon wie Kintus Nachkommen über Generationen hinweg mit dem Fluch leben müssen und schließlich versuchen ihn zu brechen.

Kintu ist der Debütroman der ugandischen Autorin Jennifer Nansubuga Makumbi. Das Buch ist einer der erfolgreichsten ugandischen Romane, der letzten Jahre, wenn nicht sogar aller Zeiten.  Trotz des Erfolgs in Uganda und der Tatsache, dass die Autorin mehrere Preise gewann, ließ sich zu Beginn kein englischer oder amerikanischer Verlag finden. Das Vorwort von Aaron Bady erklärt gut, woran dies lag und ich kann allen, die Kintu lesen raten es mitzulesen. Kintu entsprach nicht dem, was westliche Leser_innen von „afrikanischen Romanen“* erwarten: „Es gibt zu wenig weiße Charaktere, der Roman behandelt den Kolonialismus und seine (Spät)folgen nur am Rande anstatt nicht als zentrales Thema, wie es bei „afrikanischen Romanen“ der Fall sein sollte. Der Roman ist für Ugander geschrieben und gibt sich keine Mühe Begriffe oder Traditionen, die westlichen Leser_innen unbekannt sind, zu erklären, etc.“ Dieses Vorwort zeigt gut wie schwer es Romane aus Afrika, trotz einigen Erfolgen in den letzten Jahren, immer noch auf dem westlichen Buchmarkt haben. Und dass sie manchmal nur erfolgreich sein können, wenn sie sich an westliche Leser_innen richten.

Born a Crime und Under the Udala Trees, welche ich für Nigeria Südafrika las, bemühten sich lokale Traditionen und Geschichte westlichen Leser_innen verständlich zu machen. Kintu tut dies nicht. Es erwähnt an einigen Stellen historische oder aktuelle Ereignisse und Traditionen und erwartet, dass die Leser_innen diese kennen. Macht dies das Buch für westliche Leser_innen unverständlich? Ich denke nicht. Als jemand der, von der Geschichte der LRA abgesehen, wenig über Uganda weiß, konnte ich das Buch weitestgehend gut verstehen. Viel lässt sich aus dem Zusammenhang verstehen und im Zweifelsfall lassen sich Dinge googlen. Ich denke, dass Bücher wie Kintu einen dazu bringen, aus seiner Komfortzone herauszukommen, beim Lesen mitzudenken und zu recherchieren.

Der Roman ist in 7 verschiedene Teile aufgeteilt. Der Erste erzählt die Geschichte des Ahnherrn Kintu Kidda, die nächsten fünf Geschichten von vier verschiedenen seiner Nachkommen und der letzte Teil webt die Geschichten der Nachkommen zusammen. Jeder Abschnitt handelt von verschiedenen Figuren und sie spielen teilweise zu unterschiedlichen historischen Epochen, es kommt auch zu mehreren Zeitsprüngen. Dies mag das Buch kompliziert klingen lassen, aber Jennifer Nansubuga Makumbi gibt jedem Charakter eine eigene Persönlichkeit und individuelle Geschichte. Gleichzeitig gelingt es der Autorin die individuellen Geschichten gelungen zu verweben und auch den Nebencharakteren genug Raum zu geben. Die Anzahl der Charaktere ist hoch und die meisten sind irgendwie miteinander verwand, dennoch war es möglich den Überblick über sie zu behalten.

Die Sprache Kintus ist flüssig und elegant ohne blumig zu werden. Gleichzeitig ist der Roman atmosphärisch geschrieben und vermittelte ein gutes Bild der Landschaft und Umgebung, in der der Roman spielt.

Thematisch behandelt Kintu eine ganze Reihe von Themen. Durch den Fluch, der die Familie angeblich belegt, behandelt der Roman Themen wie Schicksal und Vorherbestimmung. Verschiedene Charaktere müssen mit der Frage hadern, ob der Fluch wirklich existiert und ob er für negative Ereignisse in ihrem Leben verantwortlich ist. Religion spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in dem Leben verschiedener Charaktere. Für manche von ist Religion ein Anker im Leben, der ihnen hilft, andere Figuren dagegen haben eine vollkommen negative Meinung zum Thema Religion.  Außerdem existiert die Religion in Kintu parallel zu einem Glauben an Geister, Flüche und Magie.

Das wohl zentralste Thema des Romans ist die Rolle des Manns in der Gesellschaft. Auch, wenn Frauen in Kintu eine wichtige Rolle spielen sind, 5 der 6 Hauptcharaktere Männer. Jennifer Nansubuga Makumbi tut hier etwas, dass ich so in noch keinem Roman gesehen habe. Sie beleuchtet ausführlich die negativen Auswirkungen, welche das Patriarchat und toxische Maskulinität haben. Die männlichen Charaktere in Kintu haben aufgrund ihres Geschlechts zahlreiche Privilegien. Gleichzeitig sind sie in einer Rolle und den mit diesen verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen gefangen und können diesen schwer entkommen. Hier wird deutlich gezeigt, wie Ugandas Männer einerseits vom Patriarchat profitieren, aber gleichzeitig unter ihm leiden. Ich fand es erfrischend, diese Auswirkungen in einem Roman analysiert zu sehen. Nansubuga Makumbi erkälte, dass ihr nächster Roman ein feministischer Roman wird, der die Rolle der Frau in der Gesellschaft analysiert.

Insgesamt ist Kintu ein lesenswerter Roman, welcher die Entwicklungen Ugandas mit einer spannenden Geschichte und wichtigen Themen verbindet.

*freundliche Erinnerung, dass Afrika ein Kontinent mit vielen verschiedenen Ländern und Kulturen ist.

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7 Gedanken zu “Uguanda: Kintu von Jennifer Nansubuga Makumbi

  1. Also, „Es gibt zu wenig weiße Charaktere (…)“ und „(…) gibt sich keine Mühe Begriffe oder Traditionen, die westlichen Leser_innen unbekannt sind, zu erklären“ finde ich schon wirklich übel, aber es zeigt eindrucksvoll und recht entlarvend, wie borniert man bei einigen Verlagen wohl angesichts der Frage ist, wie Bücher zu sein haben.

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    1. Ja, definitiv. Ich hatte auch später zu meinem Buch für Nigeria eine Rezension von einer Nigerianerin gelesen, die meinte dass man dem Buch anmerkte, dass es sich an westliche Leser_innen richtet. Ich schätze, dass war nötig um veröffentlicht zu werden. Gibt einen guten Ted Talk von Chimamanda Ngozi Adichie, in dem sie erklärt, dass ihr als sie in Amerika kreatives Schreiben studierte vom Professor gesagt wurde ihre Geschichten seinen nicht „typisch afrikanisch genug“. „The Danger of a single Story“ heißt der.

      Gefällt 1 Person

  2. Sehr spannend! Ich interessiere mich für Kolonialgeschichte (besonders Afrika) und nachdem ich einen Bildungsurlaub über das Thema gemacht habe, sammle ich alles an Infos dazu ein, was ich finden kann. Vielen Dank daher für diesen Tipp! Da wäre ich sonst wohl nie drauf gestoßen.
    Liebe Grüße,
    Sandra

    Gefällt 1 Person

  3. Vielen Dank für deine Rezension! Das Buch klingt wirklich sehr spannend und es ist schade, dass ausgerechnet das fehlende weiße Personal Schuld ist, dass es erst nicht weiter verlegt wurde. Ich kenne das bisher hauptsächlich aus der Film- und Serienbranche, wo ich es ebenso schlimm finde.

    Kennst du die Bücher von Nnedi Okorafor? Sie schreibt Sci-Fi-Fantasy-Bücher im Bereich Afrofuturismus – die finde ich richtig großartig!

    Viele Grüße
    Ramona (#litnetzwerk)

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    1. Hallo Ramona,

      danke fürs Vorbeischauen.
      Ja, ich kenne Nnedi Okorafor. Ich hatte „Wer fürchtet den Tod“ und die ersten beiden Bücher der „Binti“ Reihe letztes Jahr gelesen und hier auf meinem Blog rezensiert. Andere Bücher von ihr liegen auf meinem SuB.

      LG
      Elisa

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