Legend von Marie Lu ein Verriss

Genre: Young Adult Dystopie
Seitenzahl: 295
Format: Taschenbuch
Verlag: Penguin Books
Erscheinungsjahr:
2011
Reihe: Legend Trilogie
Deutscher Titel: Legend – Fallender Himmel
Junes Bruder wurde ermordet und sie macht sich auf
die Suche nach seinem Mörder. Der Verdächtige ist Day, ein Verbrecher, der als Feind der Republik gilt. Doch als June Day besser kennen lernt, kommen ihr Zweifel an seiner Schuld und sie fühlt sich zu ihm hingezogen …
Ich bin aktuell sehr gestresst, deshalb lese ich gerade Bücher, die sich leicht lesen lassen, ohne dass man groß dabei nachdenken muss. Legend schien mir dafür das Richtige zu sein. Ein erfolgreicher Roman, den selbst Leute, die sonst nicht gerne in diesem Genre lesen, positiv bewertet hatten. Außerdem klang die Prämisse vielversprechend. Leider stellte sich Legend als große Enttäuschung heraus.
Ein Paar Dinge vorneweg:
Wenn ihr das Buch mögt: Ich habe nicht viel Positives dazu zu sagen, also überlegt euch, ob ihr diese Rezension weiterlest.
Falls ihr das Buch noch nicht kennt, kommt hier die Spoilerwarnung. Ich werde den Inhalt von Anfang bis Ende Spoilern.
Triggerwarnung: Folter und Missbrauchsbeziehungen/ Stockholmsyndrom

Kommen wir als Erstes zum Worldbuilding oder besser gesagt: Worldbuilding, welches Worldbuilding? Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin überhaupt Worldbuilding betrieb. Die Welt bleibt extrem vage. Es ist eine Diktatur, in der das Militär eine große Rolle spielt und das Volk unterdrückt. Es gibt eine reiche Oberschicht, aber der Großteil der Bevölkerung hungert. Viel mehr kann ich euch nicht über das Amerika, welches wir in Legend zu sehen bekommen, sagen. Es geht eine Seuche rum, aber welche Sympthome diese Seuche zeigt (führt sie zu Durchfall, zu Fieber, oder irgendwelchen anderen Symptomen) wird nicht weiter erklärt. Genauso unklar bleibt, wie viele Menschen an ihr Erkranken oder Sterben. Anscheinend gibt es ein Heilmittel, aber auch dazu gibt es keine weiteren Infos. Die Seuche ist wichtig für die Handlung, denn der Bruder des Protagonisten ist an ihr erkrankt, dennoch erfahren die Leser_innen fast nichts über sie.

Genauso verhält es sich mit dem Krieg mit den Kolonien, in dem sich das Land befindet. Dieser wird häufig erwähnt, aber die Leser_innen erfahren weder, warum die Länger gegeneinander kämpfen noch, wie der aktuelle Stand des Konfliktes ist. So bleibt das gesamte Worldbuilding vage und undurchdacht. Das bisschen vorhanden Worldbuilding war unkreativ. Ich bin zum Beispiel während des Lesens nicht darüber hinweggekommen, wie die Währung der Republik heißt: „Republican Notes“, meist Notes genannt. Auf Deutsch wäre das so, als hieße die Währung Republikanische Scheine und würde meist Scheine genannt. 1+ für kreatives Worldbuilding. Wenn angehende Autor_innen kreative Vorschläge brauchen um die Währung ihrer erfundenen Welt zu benennen hätte ich die folgenden Vorschläge: Geld, Geldscheine, Währung, Münzen, Zeug mit dem man Dinge kaufen kann, etc.

Ähnlich schlecht wie das Worldbuilding sind die Charaktere geschrieben. June und Day sind beide absolute Genies und Superkämpfer, zumindest beschreibt sie die Autorin als solche. June erzielte bei einem Einstufungstest, den alle Kinder mit 10 durchlaufen, als erster Mensch ein perfektes Ergebnis. Ihre Ausbildung durchlief sie im Rekordtempo und Day soll ebenfalls superschlau sein. Bei ihren vermeintlichen Fähigkeiten trägt die Autorin aber so dick auf, dass es lachhaft unglaubwürdig wird. Day schafft es zum Beispiel in 5 Sekunden 5 Stockwerke hochzulaufen und in 10 Sekunden in eine Bank einzubrechen. Nein, er besitzt kein Alterego unter dem Namen The Flash. 

Außerdem hat Marie Lu bei der Beschreibung der Charaktere die wichtige Schreibregel „show don’t Tell“ ignoriert. Wir wissen, dass June und Day schlau sind, weil sie das jeweils vom anderen und über sich selbst sagen. Sie werden nicht so gezeigt, ganz im Gegenteil. Wenn die beiden zwei der intelligentesten Menschen Amerikas sein sollen, dann bin ich schlauer als Einstein und Hawking zusammen. Durch den gesamten Roman hinweg verhalten sie sich kein bisschen intelligent.

Hier mal eins von vielen Beispielen: Um Day zu finden, geht June undercover unter die arme Bevölkerung. Schließlich treffen die beiden aufeinander und keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. Sie verraten dem jeweils anderen nicht den Namen  und verwenden  keine Decknamen. Dies führt dazu, dass sie sich die ganze Zeit mit „Boy“ und „Girl“ anreden. Also noch mal zum Mitschreiben. June geht undercover ohne sich einen Decknamen zuzulegen. Day, ein gesuchter Krimineller, dessen Aussehen dem Staat nicht bekannt ist, kommt nicht auf die Idee sich einen Decknamen zuzulegen. Ich bin davon überzeugt, dass die beiden brillante Genies sind! Intelligente Charaktere dürfen Fehler machen, aber die beiden stellen sich am laufenden Band vollkommen doof an.

Als June Day sucht, weiß sie von ihm sein Alter, dass er eine Beinverletzung hat, dass er stiehlt, dass er geschickt im Leben auf der Straße und Meiden der Autoritäten ist, und dass er dringend ein Heilmittel für die Seuche sucht um seiner Familie zu helfen. All dies trifft auf den mysteriösen Jungen zu, den sie auf der Straße trifft. Man brauch kein Sherlock zu sein, um auf die Idee zu kommen, dass er Day sein könnte. Jedoch hegt June noch nicht mal einen kleinen Verdacht gegen ihnen.

Nachdem es weitere Hinweise auf seine Identität gab, kommt sie darauf und lässt ihn gefangen nehmen (dazu später mehr). Obwohl sie ihm anfangs feindlich gegenüber stand  beginnt sie irgendwann, Day zu vertauen und verhält sich netter ihm gegenüber. Dieser verrät ihr, dass eine gemeinsame Bekannte eine Spionin ist. Er weiß zu dem Zeitpunkt nicht sicher, ob er June vertrauen kann und er plappert die Identität der Spionin aus. Das könnte diese ihr Leben kosten!

Außerdem haben June und Day fast dieselbe Persönlichkeit. Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden erzählt, aber ihre inneren Stimmen hören sich gleich an. Wenn nicht über jedem Kapitel stände, welche Perspektive gerade dran ist, hätte ich die beiden nicht unterscheiden können.

Ein weiterer negativer Charakterzug an Day: Er scheint ein großer Chauvinist zu sein und das in einem Land, in dem Gleichberechtigung herrscht. Als June meint, dass sie Musik mag, erwähnt er, dass eine Freundin von ihm Musik auch gut findet. Er tut das aber nicht und hält Musik für eine Mädchensache. Ich habe ja schon viel sexistisches Zeug gehört, aber auf die Idee dass Musik nur etwas für Mädchen ist, kam bis jetzt noch niemand. Vielleicht hat Day sich an einer Seuche angesteckt, die „schwerer Fall von toxischer Maskulinität“ heißt.

Schlecht geschrieben ist auch die Beziehung zwischen Day und June. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Bereits beim ersten aufeinander Treffen fühlen sie sich zum anderen hingezogen und 30 Seiten später gibt es den ersten Kuss. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, wer der jeweils andere ist. Die Beziehung der beiden soll eine bewegende Liebesbeziehung, wie die von Romeo und Julia sein, aber sie beruht nur auf Äußerlichkeiten. Eine Liebe auf den ersten Blick macht es der Autorin einfach. Sie muss nicht langsam die Entwicklung der Gefühle und die Annäherung an den anderen beschreiben oder langsam eine Beziehung aufbauen.

Die weitere Entwicklung der Beziehung ist noch schlimmer. June findet irgendwann Days wahre Identität heraus und stellt ihm eine Falle. Sie schickt das Militär zum Haus seiner Familie  dann erzählt sie Day, der noch nicht weiß, wer sie ist, dass sie mitbekommen hat, dass das Militär zu seiner Familie will. Day rennt panisch zu seiner Familie, um mit dieser zu fliehen, doch als er kommt, kommt auch das Militär an. Days Mutter wird von einem Soldaten getötet. Er und seine Brüder werden gefangen genommen. An einem Bruder werden sogar Experimente durchgeführt. June besucht Day in seiner Zelle und foltert ihn. Später kommen ihr Zweifel an seiner Schuld und sie kommt langsam zu der Erkenntnis, dass das Regime böse ist. Schließlich arrangiert sie, kurz vor seiner Hinrichtung, eine Befreiungsaktion und flieht mit ihm. Die beiden werden ein Paar.

Ganz genau. Day kommt mit dem Mädchen zusammen, das ihn verraten hat, am Tod seiner Mutter Mitschuld trägt, ihn gefoltert hat und dafür verantwortlich ist, dass seine Brüder gefangen genommen wurden. Mir ist egal, ob sie dies tat, um den Mörder ihres Bruders zu finden, ihre Taten waren falsch. Folter lässt sich nicht rechtfertigen und ist unter allen Umständen verboten. Das Buch stellt die Folter als falsch dar, aber dennoch finde ich es nicht in Ordnung, dass Day und June zusammenkommen. Das, was June getan hat, gehört zu den schlimmsten Dingen, die man einem anderen Menschen, antun kann.   Eine Beziehung zwischen Täter und Folteropfer geht nicht. Die Beziehung der beiden ist nicht viel anders als das, was man in anderen Büchern, die Missbrauchsbeziehungen romantisieren, ließt. Da gab es bereits welche, in denen der Kerl ein Mädchen foltert, später einen Charakterwandel durchläuft es bereut und mit dem dem Mädchen zusammenkommt. Die Beziehung, die Legend zeigt, ist nicht anders, außer dass die Täterin weiblich und das Opfer männlich ist.

Was kann ich sonst noch zu dem Roman sagen? Der Weltenbau ist schlecht, die Charaktere sind schlecht geschrieben, die Handlung enthält Logiklücken und ist vorhersehbar, und die Liebesbeziehung ist auf jeder Ebene falsch. Die Sprache des Romans ist nicht furchtbar, aber Marie Lu schafft es selten die Emotionen ihrer Charaktere zu transportieren. Zudem klingen die Perspektiven der beiden Charaktere gleich.

Legend wurde von Les Misérables inspiriert, aber ich schätze, bei dem Gedanken daran dreht sich Victor Hugo im Grabe um. Es ist nicht, das schlechteste Buch, das ich je gelesen habe, aber das schlechteste Buch, das ich in den letzten zwei Jahren las. Die Fortsetzung oder andere Bücher der Autorin werde ich so schnell nicht lesen.

 

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2 Gedanken zu “Legend von Marie Lu ein Verriss

  1. Bei manchen Autoren fragt man sich, ob die überhaupt eine Idee vom realen Leben haben: da werden die Figuren scheiße geschrieben, ihre Beziehungen zueinander sind scheiße und der Rest drumherum auch. Aber offenbar kann man nicht erwarten, wenn man sieht, welchen Erfolg Twilight hatte, auf das all die oben genannten Punkte genauso zutreffen. Interessant ist an diesem Buch hier nur, dass die Stockholm-Syndrom-Kacke mal anders rum lief. Normalerweise sinds nämlich in anderen Büchern immer die weiblichen Figuren, die sich zu ihrem Entführer/Peiniger/was-weiß-ich hingezogen fühlen. Dieses „Frauen stehen auf Bad Boys“ habe ich nie verstanden. Nie. Und dann jammern sie, wenn sie scheiße behandelt werden. Und sorry für die ganzen Expletetives….bei solchen Büchern kann ich nur in die wörtliche-Abgrundkiste greifen xD

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    1. Ich gebe zu ich gehöre zu der Generation, die Twilight gehypt hat und fand die Bücher als Teenager ganz toll :D. Mittlerweile sehe ich allerdings, was an den Büchern so schlecht war und wie furchtbar die Beziehung von Bella und Edward ist. Jo, das es mal die Frau ist, die sich missbräuchlich verhält ist mal was anderes und ich schätze einigen Lesern ist das deswegen nicht aufgefallen. Es freut mich, wenn es mal eine Liebesgeschichte ohne Bad Boy gibt, aber das Ganze sollte dann nicht umgedreht werden.

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