Chile – ein mittelmäßiger Anfang

Genre: Familiensaga, Magischer Realismus
Seitenanzahl: 479
Format: Hardcover Verlag: Suhrkamp
Übersetzerin: Anneliese Botond
Erscheinungsjahr: 1982

Das Geisterhaus war das erste Buch, welches ich im Zuge der Weltlesereise las und gleichzeitig das erste Buch, das ich 2018 las. Zudem war es, glaube ich, das erste Mal, dass ich ein Buch von einer südamerikanischen Autorin las. In gleich mehrerer Hinsicht war es also Neuland.

Isabel Allende ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten chilenischen Autor_innen. Das Geisterhaus war ihr Debüt und es gab eine Hollywoodverfilmung mit Jeremy Irons und Meryl Streep (*hust* Whitewashing *hust*). Dennoch wusste ich, vorher nicht, worum es in dem Roman geht und ging mit offenen Augen an das Buch ran. Das Geisterhaus erzählt die Geschichte der Familie del Valle über mehrere Generationen hinweg, von der Großmutter bis zur Enkelin. Dabei wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt und auf die politische Entwicklung Chiles eingegangen. Zu Beginn des Romans war Chile eine von konservativen Politikern regierte Demokratie, später kam einer linker Präsident an die Macht, der dann vom Militär gestürzt wurde, welches das Land in eine Militärdiktatur verwandelte. Hier sollte erwähnt werden, dass Allende eine Verwandte des gestürzten Präsidenten Salvador Allende war und der Roman eine persönliche Note enthält.

Es gibt Bücher, die ich als „Okay-Bücher“ bezeichne. Okay-Bücher sind keine schlechten Bücher, weder die Handlung noch die Charaktere langweilen mich, ich finde diese Aspekte sogar interessant. Gleichzeitig sind Okay-Bücher keine Bücher, die mich begeistern. Nichts an diesen Büchern finde ich ausgesprochen toll, aber ich finde sie nicht schlecht. Solche Bücher sind einfach nur mittelmäßig. Für mich war Das Geisterhaus ein okay-Buch.

Die Handlung des Romans war interessant, aber nicht so nicht spannend, dass sie mich fesselte. Familiendramen, bei denen sich die Geschichte über mehrere Generationen streckt, habe ich schon öfters gelesen und gesehen. Die Idee war nicht schlecht, aber nicht neu. Ich fand es schön etwas über die politischen Aspekte Chiles zu erfahren und hier wurden unterschiedliche Perspektiven gezeigt, da die verschiedenen Charaktere gegensätzliche Ansätze zur Politik hatten. Allerdings waren die politischen Entwicklungen nicht das Hauptthema des Buches, denn der Fokus lag vor allem auf den persönlichen Verstrickungen und den Entwicklungen der Charaktere. Dies fand ich interessant, aber ich hätte gerne ein bisschen mehr über das Land, seine Kultur und die politische Situation erfahren. Solche Aspekte blieben eher vage.

Die Charaktere konnten mich nicht begeistern, obwohl sie alle sehr eigen waren und durch ungewöhnliche Charaktereigenschaften oder Aktivitäten auffielen. Gleichzeitig nervten sie mich nicht und waren keine schlecht geschriebenen Charaktere. Wobei der Protagonist Esteban Trueba eines der größten, selbstgerechten A…Löcher ist, das mir je in einem Roman untergekommen ist (und das ist noch freundlich ausgedrückt, immerhin ist der Kerl ein Vergewaltiger und Rassist). Dennoch war er ein unglaublich komplexer Charakter mit zahlreichen Facetten.

Was mir an dem Buch gut gefiel, war wie mühelos Allende Magie in die Geschichte und die echte Welt einbaute. Die Protagonistin Clara del Valle kann Gegenstände mit ihren Gedanken bewegen und hat Zukunftsvisionen. Diese Fähigkeiten fügen sich perfekt in die Geschichte ein und passte, obwohl es Magie ansonsten keine Rolle in dem Roman spielte, gut in die Geschichte. Jedoch fehlte mir hier eine Erklärung, warum Clara nicht versucht manche Ereignisse, wie zum Beispiel den Tod ihrer Schwester, zu verhindern. Es gibt bei Romanen, in denen Charaktere hellseherische Fähigkeiten haben, oft eine Erklärung, warum sich die Zukunft nicht ändern lässt, aber diese fehlte hier. Ich hätte es besser gefunden, wenn Clara zumindest ein Mal versucht hätte die Zukunft zu ändern.

Ein weiterer negativer Aspekt war für mich der Rassismus und die Homophobie in dem Buch. Diese sind darauf zurückzuführen, wann das Geisterhaus geschrieben wurde. Schwarze Charaktere wurden ausschließlich mit dem N-Wort bezeichnet. Zusätzlich enthält der Roman einiges an Homophobie, die nicht verurteilt wird. So werden zum Beispiel die Schuhe eines Charakters als „homosexuelle Schuhe“ beschrieben. Außerdem wurde nicht sonderlich gut mit den Thema Vergewaltigung umgegangen. Es kommt in dem Buch zu mehreren Vergewaltigungen, aber auf die Konsequenzen für die Frauen wird kaum eingegangen.

Insgesamt war Das Geisterhaus ein mittelmäßiger Auftakt meines Leseprojekts. Es konnte mich nicht begeistern, aber war nicht schlecht. Mir wurde von mehreren Personen, die das Buch in den 80ern und 90ern Jahren lasen gesagt, dass sie das Buch gut fanden, als es erschien, aber sich nicht sicher sind, ob es noch heute für Leser_innen funktioniert. Es gibt Romane die gefallen einem besser, wenn man sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ließt und ich glaube, dass Das Geisterhaus zu diesen gehört. Ich könnte mir vorstellen, dass ich das Geisterhaus besser gefunden hätte, wenn ich zu der Zeit, der in dem Buch beschriebenen Ereignisse, schon gelebt und von ihnen in den Nachrichten gehört hätte.

Die nächste Station meiner Lesereise führte mich nach Nigeria und wie mir das Buch, welches ich aus diesem Land las, gefiel, werdet ihr in meinem nächsten Beitrag erfahren.

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3 Gedanken zu “Chile – ein mittelmäßiger Anfang

  1. Es ist interessant, eine Rezension zu einem Buch zu lesen, welches vor 36 Jahren erschienen ist und damals ein absoluter Knaller war. Es von heute aus zu beurteilen und z.B. die Sprache auf „political correctness“ zu bewerten, erscheint mir dann doch etwas unfähr.
    Vielleicht lässt es sich heute nicht mehr so gut lesen, man kann ja auch manche Filme von damals einfach nicht mehr anschauen, weil sich unsere Sehgewohnheiten geändert haben. Wahrscheinlich wäre ich heute auch vom Geisterhaus enttäuscht, damals war es einfach nur toll!

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    1. Hallo,

      ja ich merke auch manchmal, dass manche Bücher und Filme von damals nicht mehr funktionieren, während andere es noch schaffen mich zu begeistern.
      Manchmal frage ich mich auch, ob Bücher, die vor 10 Jahren Bestseller wären, heute noch so erfolgreich wären.
      Was die poltical correctness angeht: Da gebe ich älteren Büchern schon mehr Spielraum als neuen. Bei einem neuen Buch, in dem die Sachen so vorgekommen wären, wäre meine Rezension weitaus negativer ausgefallen. Außerdem habe ich schon ältere Bücher gelesen, mit solchen Aspekten nicht perfekt, aber besser umgegangen sind, als „das Geisterhaus“ es tat. Das Buch mit Zeitgenossen zu vergleichen erscheint mir gerecht.

      LG
      Elisa

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      1. Du hast in allem sehr recht. Ich müsste das Geisterhaus noch mal lesen, um alles besser beurteilen zu können. Damals war ich 20 Jahre alt und hatte noch gar keine Leseerfahrung. Ich war einfach überwältigt von den ungewohnten Bildern und der außergewöhnlichen Geschichte. Es ist jedenfalls eines der Bücher, das ich nicht vergessen habe. Bei der Menge an Literatur, die ich schon verschlungen habe, soll das etwas heißen. Mal sehen, ob ich es noch einmal lese. Danke jedenfalls dafür, dass Du es für mich aus der Versenkung gezogen hast. 😉

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