Krieg und Frieden von Leo Tolstoi

Genre: Klassiker
Seitenanzahl: 1885
Format: E-Book
Verlag: e-artnow
Erscheinungsjahr: 1868/9
Bewertung: 8 Punkte

 

Klappentext: Krieg und Frieden ist ein vierteiliger historischer Roman des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi. Er erschien zuerst 1868/69 in Moskau und gilt als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. Das Buch wurde mehrfach verfilmt. Der Roman wurde weltberühmt, weil er wie unter einem Brennglas die Zeit von 1805 bis 1812 aus russischer Sicht in einzigartiger Geschlossenheit darstellt. Es wird fast ausschließlich aus der Perspektive einzelner russischer Adliger erzählt, die sich wechselseitig beeinflussen. Es werden Schlachten (beispielsweise die Schlacht bei Austerlitz oder die Schlacht von Borodino) beschrieben, wichtige historische Begebenheiten wie der Brand Moskaus im Jahr 1812, aber auch Teestunden, Bälle, Jagden, Konferenzen und Volksaufläufe.

Krieg und Frieden lag seit zwei Jahren auf meinem SUB, aber da ich seit der Schulzeit keine Klassiker mehr gelesen hatte und das Buch lang ist, traute ich mich die lange Zeit nicht an das Werk ran.  Als Elif eine Russian Reading Challenge veranstalte, bot sich mir endlich eine gute Gelegenheit das Buch zu lesen. Ich gebe zu, dass ich mit einer gewissen Besorgnis an Krieg und Frieden ran ging, da mir die meisten Klassiker, die ich in der Schule las, nicht gefielen. Bevor wir zu meiner Meinung zum Buch kommen, möchte ich noch eins schreiben: Das Ziel dieser Rezension ist es nicht das Buch literarisch zu analysieren. Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin und es wurden einige intelligente Texte geschrieben, die dieses Buch detailliert analysieren. Ich möchte euch ausschließlich über meine Leseerfahrungen berichten.

Krieg und Frieden spielt im zaristischen Russland, während es sich mit Frankreich im Krieg befand. Ich denke, dass sich das Buch ohne historisches Vorwissen lesen lässt, aber mir half es definitiv, dass ich zumindest ein bisschen über die Periode wusste. Die Handlung  findet meist in St. Petersburg und Moskau statt, aber auch andere Orte des russischen Zarenreiches kommen vor. Tolstois beschreibt diese Orte gut, sodass ich mir die Bälle oder Abendgesellschaften der Adeligen vor meinem inneren Augen vorstellen konnte. Hilfreich war beim Lesen dass meine Ausgabe Anmerkungen des Übersetzers enthielt. Diese erklären Begriffe und Traditionen, welche den modernen Leser_innen nicht bekannt sind. Dennoch kann ich allen, die das Buch lesen möchten, empfehlen eine Ausgabe, die Karten enthält, zu lesen. Die Handlung spielt manchmal an weniger bekannten Orten und gerade, wenn es zu Schlachten kommt, könnten diese helfen einen Überblick über die Situation zu behalten. Trotz Tolstois guten Ortsbeschreibungen fiel es mir bei Schlachten und den Beschreibungen von Armeebewegungen schwer, die genauen Abläufe nachzuvollziehen.

Krieg und Frieden enthält eine große Anzahl an Charakteren. Ich hatte keine Probleme hier die Übersicht zu verlieren, da ich es gewöhnt bin Bücher mit vielen Charakteren, wie zum Beispiel Das Rat der Zeit oder Das Lied von Eis und Feuer zu lesen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass die hohe Anzahl an Charakteren vielen Leser_innen Probleme bereitet. Die Handlung folgt dem Leben mehrerer Adeliger, vor allem den jungen Mitgliedern der Familie Rostov, welche unter finanziellen Problemen leidet, und der Familie Bolkonskys. Zusätzlich gibt noch den jungen Pierre Bezukhov, den unehelichen eines mächtigen Grafen, welcher das große Vermögen und die Ländereien seines Vaters erbt. Die Geschichte wird wechselnd aus den Perspektiven verschiedener Charaktere erzählt und Tolstoy gelingt es gut die Persönlichkeiten und das Innenleben der einzelnen Charaktere zu vermitteln. Besonders Pierre, der als idealistischer junger Aristokrat vorgestellt wurde, war mir sympatisch. Ein anderer interessanter Charakter war Maria Bolkonskayadie Tochter des alten und exzentrischen Grafen Bolkonsky. Sie wird stark von ihrem Vater unterdrückt, aber ist aufopferungsbereit und mitfühlend anderen gegenüber. Das Einzige, was mir bei den Charakteren nicht gefiel war, wie schnell sie sich verlieben. In den meisten Fällen wirkte dies wie Liebe auf den ersten Blick.

Die Handlung des Romans ist keine typische Romanhandlung, bei der die Charaktere ein bestimmtes Ziel haben (zusammen zukommen, den Ring zerstören, etc.) und Hindernisse dahin überwinden müssen. Stattdessen beschreibt das Leben der Charaktere von 1805 bis 1812. Es gibt verschiedene Szenen und Handlungsstränge, aber keinen klassischen Plot. Allerdings störte mich dies beim Lesen nicht. Es geht um das Familien- und Liebesleben der Charaktere sowie tiefe Freundschaften. Die Beziehungen der Charaktere sind eines der zentralen Themen des Romans und manche von ihnen verändern sich während der Geschichte stark. Wie der Titel verrät, sind Krieg und Frieden ein zentraler Teil der Handlung des Romans. Die Geschichte handelt von dem Krieg zwischen Frankreich und Russland und Tolstoy berichtet über reale Begebenheiten. So wird zum Beispiel die Schlacht bei Austerlitz aus der Sicht von Tolstoys Charakteren erzählt. Wie oben erwähnt verlor ich bei diesen teilweise den Überblick, jedoch beschreibt Tolstoy gut die Gefühle der beteiligten Charaktere und die Einstellung der russischen Gesellschaft dem Krieg gegenüber. Hier zeigt er eine patriotische Einstellung der Bevölkerung und stellt sich klar auf die Seite seiner Landsleute, gleichzeitig übt er starke Kritik am Krieg. Er scheut nicht davor zurück die Grausamkeiten des Krieges zu verurteilen und zu zeigen, wie stark dieser Leben zerstört.

Allgemein beschäftigt sich Krieg und Frieden mit zahlreichen moralischen und philosophischen Themen. Neben der Kriegsthematik wird das Thema Schuld und Unschuld aufgegriffen und es kommt zu philosophischen Diskussionen zu dieser Thematik. Die meisten dieser Diskussionen sind interessant, jedoch gleitet der Autor hier manchmal zu stark von der Handlung ab. An mehreren Stellen kritisiert er die Art und Weise, wie Historiker den Krieg analysieren und es folgen dort stellenweise seitenlangen Diskursen über das Thema. Gerade gegen Ende des Romans begannen sich diese zu häufen, was ich als störend empfand.

Ein weitere störender Aspekt ist das, was ich  „Klassikerproblem“/ „Problem von älteren Büchern“ nenne. Klassiker stammen aus Zeiten, in denen Sexismus, Rassismus, Homophobie, etc. stärker in der Gesellschaft verankert waren als heute. Was nicht heißen soll, dass es sie heute nicht mehr gibt, ganz im Gegenteil. Dadurch sind sie in Klassikern stärker Präsent als in Romanen aus heutiger Zeit, welche sie oft immer noch enthalten. Im Gegensatz zu manch anderen Klassikern enthält Krieg und Frieden zahlreiche Frauencharaktere mit interessanten Persönlichkeiten, doch ist der Blick auf sie äußerst sexistisch. An zahlreichen Stellen äußern sich männliche Charaktere negativ über Frauen und es ist klar, dass ihre Ansichten denen des Autors entsprechen. Zudem ist das Buch rassistisch, denn das einzige Mal, als ein schwarzer Charakter erwähnt wird (er taucht nicht persönlich auf es unterhalten sich nur zwei Charaktere über ihn), wird durchweg das N-Wort verwendet.

Alles in allem, ist Krieg und Frieden ein interessantes Buch mit komplexen Charakteren, welches einen guten Blick auf das Russland im 19. Jahrhundert wirft und wichtige moralische Fragen diskutiert. Ich langweilte mich beim Lesen trotz der hohen Seitenzahl zu keinem Zeitpunkt. Allerdings empfand ich Tolstoys längere Kritiken an der Geschichtsschreibung sowie den Sexismus und Rassismus des Romans als störend. Dafür gibt es von mir 8 von 10 Punkten.

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2 Gedanken zu “Krieg und Frieden von Leo Tolstoi

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