Rezension: Too like the lightning von Ada Palmer

 

Genre: Science Fiction/ Dystopie
Reihe: Terra Ignota
Seitenanzahl: 448
Format: E-Book
Verlag: Tor Books
Erscheinungsjahr: 2016
Bewertung: 7 Punkte

 

Too like the Lightning ist der Debütroman der us-amerikanischen Autoren Ada Palmer und der erste Teil der Terra Ignota Serie, die vier Bände umfasen soll. Palmer gewann vor Kurzem den John W. Campbell Award, dieser wird jährlich an den besten Autor_in im Fantasy und Science Fiction Genre verliehen.  Too like the lightning spielt im 25. Jahrhundert in einer, auf den ersten Blick utopisch erscheinenden Welt. In dieser müssen  die Menschen nur  20 Stunden pro Woche arbeiten und in der es keine Nationalitäten mehr gibt. Stattdessen fühlen sich die meisten Personen sogenannten „Hives“ zugehörig, losen Zusammenschlüssen von Menschen, die dieselben Ideale und dieselbe Lebensphilosophie verfolgen. Diese Gesellschaft sieht sich  als „post-gender“ an. Gendernormen gehören der Vergangenheit an und anstatt „he“ oder „she“ wird das geschlechtsneutrale Pronomen „they“ verwendet. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Mycroft Canner, er besteht darauf nicht als Protagonist angesehen zu werden, einem verurteilten Verbrecher, der nun Sozialdienst leisten muss. Mycroft ist der Beschützer des Jungen Bridger, welcher Objekte zum Leben erwecken kann. Wir begleiten Mycroft, wie er Zeuge einer Verschwörung wird, welche darauf abzielt, die bestehende Gesellschaftsstruktur zu zerschlagen. 

Bei Romanen wird häufig zwischen „plot-driven“ und „character-driven“ unterschieden. Vereinfacht gesagt handelt es sich bei Erstem um Romane, bei denen der Plot im Fokus steht und die über eine schnelle Handlung mit zahlreichen Twists verfügen. Charakterentwicklung ist bei dieser Art von Romanen nicht unwichtig, muss sich jedoch hinter der Handlung anstellen. Romane, die plot-driven sind, legen dagegen mehr wert auf die Charaktere und ihre Entwicklung. Der Plot folgt den Charakteren und meist ist die Handlung von character-driven Romanen langsamer als die von plot-driven Romanen. Too like the Lighting fällt allerdings in keine dieser Kategorien, stattdessen ist der Roman „world-driven“. Der Fokus liegt eindeutig auf der utopischen (oder dystopischen das liegt im Auge des Betrachters) Welt, welche die Autorin schuf. Die Geschichte beleuchtet die zahlreichen Facetten dieser Gesellschaft. Dabei bleibt es den Leser_innen überlassen, wie sie diese bewerten. Die Menschen dieser Welt sehen ihre Gesellschaft als perfekt an, doch beim Lesen tun sich Risse in dieser Gesellschaft auf und gewisse Aspekte dieser vermeintlichen Utopie wirken eher dystopisch.

Das Worlbuilding ist sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Romans. Die Welt, welche Ada Palmer schuf, ist  interessant und regt zum Nachdenken an. Ich möchte definitiv mehr von ihr sehen. Allerdings unterscheidet sich diese Gesellschaft stark von der heutigen. Da an einigen Stellen Erklärungen fehlen oder zu spät kommen fühlte ich mich teilweise beim Lesen der Geschichte verloren. So werden zum Beispiel ständig die verschiedenen Hives erwähnt, aber erst nach über 100 Seiten wurde von einer erklärt, was überhaupt ihre Ideale sind. So ähnlich war es mit anderen Aspekten des Worldbuildings. Ich brauche keine seitenlangen Infodumps, aber wenn die nötigen Erklärungen früher gekommen wären, hätte ich mich mit dem Anfang des Romans nicht so schwer getan. Nach dem Lesen fand ich im Internet einen Artikel, in dem die Autorin die Funktionsweise und die Ansichten der verschiedenen Hives erklärt. Ich wünschte, ich hätte diesen früher gefunden, dann wär mir das Lesen des Romans wesentlich leichter gefallen. Alternativ hätte ein Glossar geholfen.

Wie schon erwähnt, stell sich der Plot hinter der Welt und ihrer Erkundung an. Er verläuft die meiste Zeit über eher langsam und Leser_innen, die Bücher erwarten, deren Handlung einer Achterbahnfahrt gleicht, werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Ich habe kein Problem mit langsameren Geschichten und langweilte mich deshalb beim Lesen nicht. Die Handlung umfasst verschiedene Handlungsstränge und Anfang ist nicht klar, wie diese zusammenhängen. Dies ergibt sich aber im Verlauf der Handlung. Das Ende des Romans lässt sich als fulminant beschreiben. Die Dinge, die den Leser_innen dort eröffnet werden, werfen viele Charaktere und Ereignisse in ein ganz anderes Licht. Außerdem macht dieses Ende Lust darauf sofort Seven Surrenders, den zweiten Band der Terra Ignota Reihe zu lesen. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die Autorin Too like the lightning und Seven Surrenders als ein Buch schrieb, diese aber vom Verlag aufgespalten wurden. Aus diesem Grund wirkt Too like the lighting wie eine Einführung in die Welt.

Zwar ist Too like the Lighting kein character-driven Roman, trotzdem enthält er eine Reihe von interessanten Charakteren. Der Erzähler Mycroft Canner ist eine faszinierende Figur und die Leser_innen wissen von Anfang an, dass er ein Verbrecher ist. Jedoch erfahren wir erst nach der Hälfte des Romans, was für Verbrechen er begangen hat. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob wir glauben, dass Menschen, die so etwas Abscheuliches getan haben, sich ändern können, oder ob wir sie für immer als Monster ansehen. Zudem ist es gut möglich, dass Mycroft ein unzuverlässiger Erzähler ist. Neben Mycroft gibt es einige andere interessante Charaktere. Ich hoffe, vor allem von der mysteriösen Bordellbesitzerin Madame und dem Wunderkind J.E.D.D Mason im nächsten Band mehr zu erfahren. Natürlich ist bei den Beschreibungen der anderen Charaktere wieder zu beachten, dass Mycroft voreingenommen ist. Dadurch bekommen die  Leser_innen eventuell einen verzerrten Blick auf einige Charaktere, was ich nicht als störend empfand. Etwas schade fand ich allerdings, dass wir nur Charaktere sehen die zu den Machtzirkeln gehören, hochbegabt oder berühmt sind. Das gilt nicht nur für die Hauptcharaktere, sondern auch für alle Nebenrollen. So schien zum Beispiel ein Charakter ganz normal zu sein, bis schließlich herauskam, dass sie eine Oscargewinnerin ist. Ich hätte mir gewünscht ein paar gewöhnlichere Charaktere zu sehen, und einen Blick in das Leben der normalen Bevölkerung zu kommen.

Der Schreibstil des Romans ist keinesfalls einfach, was nicht unbedingt als Manko zu werten ist, aber manchen Leser_innen Probleme bereiten kann. Wie schon erwähnt wird die Geschichte aus der Sicht von Mycroft Canner erzählt, der an mehreren Stellen die vierte Wand durchbricht und ein paar Mal der chronologischen Reihenfolge einer Szenen hin und her springt.  Einige von Mycrofts Einwürfen, vor allem wenn er sich bei den Leser_innen dafür entschuldigt, welche Stilmittel er verwendet, wirken unnötig. Beim Lesen hatte ich teilweise das Gefühl, dass es der Autorin sehr viel Spaß macht diese zu schreiben und sie es deshalb ein bisschen zu häufig tat. Es gibt  auch vereinzelt ein paar Szenen, die aus der Sicht von anderen Charakteren erzählt wurden.

Ein weiterer Aspekt, der Too like the lightning interessant macht, sind die verschiedenen thematischen Aspekte, mit denen sich das Buch auseinandersetzt. Too like the lighting ist kein Roman, der unterhalten will, sondern ein Roman, der die Leser_innen zum nachdenken anregen will. Zum einen beschäftigt das Buch sich mit Geschlechteridentität. Die Gesellschaft des Romans sieht sich  als post-gender an. Trotzdem gibt es einen unterschwelligen Sexismus und Charaktere, die sich nicht an die vorgeschriebene Geschlechterneutralität halten wollen. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Religion. Religionen wurden komplett ins Private verbannt und sämtliche öffentlichen Diskussionen über Religion verboten. Dies hält die Menschen aber nicht davon ab  zum Beispiel darüber nachzudenken, ob es ein Leben nach dem Tod, oder eine göttliche  Fügung gibt. Ein weiteres Thema, mit dem sich der Roman beschäftigt ist, der Machtmissbrauch. Die utopische Gesellschaft, in der die Handlung spielt, wird von den Charakteren für perfekt gehalten. Den Leser_innen wird jedoch allmählich klar, dass sich die Macht auf eine kleine Gruppe konzentriert, deren Mitglieder die Geschicke der Welt nach ihren Interessen lenken. All diese Themen präsentiert Ada Palmer so, dass es den Leser_innen überlassen bleibt ihre eigene Meinung zu bilden und verschiedene Standpunkte zu diskutieren.

Alles in allem ist Too like the lighting ein komplexes Buch mit einer faszinierenden Welt. Zudem regte mich der Roman stark zum Nachdenken an. Aufgrund der oben angesprochenen Kritikpunkte kann ich leider nicht mehr als 7 von 10 möglichen Punkten geben. Trotzdem freue ich mich darauf, bald die Fortsetzung zu lesen.

 

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2 Gedanken zu “Rezension: Too like the lightning von Ada Palmer

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