Rezension: Die Erbin der Welt von N.K. Jemisin

 

Genre: Fantasy
Seitenanzahl: 446
Format: Taschenbuch
Verlag: Blanvalet
Originaltitel: The Hundred Thousand Kingdoms
Übersetzer_in: Helga Parmiter
Erscheinungsjahr: 2010
Bewertung: 8 Punkte

 

Die Erbin der Welt ist der Debütroman der amerikanischen Autorin N.K. Jemisin und erschien 2010. Inzwischen ist sie eine etablierte Fantasyautorin  und gewann den begehrten Hugo Award (so was wie die Oscars für alles im Fantasy und Science-Fiction Genre). In Deutschland ist sie leider nicht so bekannt, deshalb möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um euch ihre Bücher vorzustellen. Die Erbin der Welt ist der Auftakt einer Trilogie, ist aber in sich abgeschlossen. In den anderen Büchern der Reihe stehen außerdem andere Charaktere im Vordergrund. Für mich war es streng genommen ein Re-read, da ich dieses Buch vor einigen Jahren schon mal las. Ich kaufte mir die beiden Fortsetzungen, kam aber nie dazu diese zu lesen . Als ich Die Erbin der Welt nun nochmal las, konnte ich mich an nichts, das im Roman passiert, erinnern.

Klappentext: Geheimnisse und Intrigen im Palast über den Wolken – wo Menschen und Götter um Macht und Einfluss ringen

Natürlich befolgt Yeine Darr den Befehl ihres Großvaters, sich unverzüglich aus der Provinz zu seinem Palast zu begeben. Schließlich ist er der Herrscher über die ganze Welt. Doch als er sie zu seiner dritten Erbin ernennt, befindet sie sich unvermutet inmitten tödlicher Palastintrigen. Ihre einzige Hoffnung auf Überleben ist ein Bündnis mit Nahadoth – dem zwar versklavten, aber immer noch ebenso mörderischen wie verführerischen Gott der Finsternis.

Normalerweise ist ein Cover nicht etwas, das ich in einer Rezension ansprechen möchte, da ein_e Autor_in meistens keinen Einfluss auf das Buchcover hat. Außerdem sagt ein Cover nichts über nichts über die Qualität eines Buches aus. Allerdings muss ich in diesem Fall das deutsche Cover kritisieren (das amerikanische Cover sieht ganz anders aus). Auf den ersten Blick wirkt es wie ein typisches Cover für einen Fantasyroman. Bilder von verhüllten Gestalten sind schließlich beliebte Coverbilder für dieses Genre. Beim Lesen wurde mir aber schnell klar, dass das Cover, oder besser gesagt das Aussehen der Frau auf dem Cover, nicht zum Buch passt. Yeine Darr, die Protagonistin und Erzählerin des Romans beschreibt sich auf Seite 12 wie folgt:

Ich habe die Augen der Amn: blassgrün und eher verunsichernd als hübsch. Ansonsten bin ich klein, flachbrüstig, dunkel wie Holz im Walde, und meine Haare sind ein gelocktes Durcheinander. Weil ich sie anders nicht bändigen kann, trage ich sie kurz.

Was sehen wir auf dem Cover?  Eine weiße Frau mit blonden Haaren.

Ich las ein Interview mit der Autorin, in dem sie sich explizit gegen das Whitewashing von dunkelhäutigen Charakteren auf Buchcovern aussprach. Hier sind ihre Worte:

  When a book cover displays a character, it also needs to capture the essence of that character. I think most of us would agree that certain pieces of our background and social position help to form this essence. Gender, ethnicity, sexual orientation, age, class; our professions, our loved ones, our nationality; these things aren’t the be-all and end-all of who we are, of course. But change them, and we become different people. Not better, not worse — but different. So changing the race of a character transforms that character’s essence, and since the protagonist is usually fundamental to the story, it transforms the story’s essence as well. Cover art should enhance a book, not change it. It’s not fair to the story for the cover art to change it in this way. It’s not fair to the readers to mislead them into thinking they’re getting one kind of story, when they’re really getting something else. It’s certainly not fair to the writer, since it suggests that the publisher really wishes she’d written a different story. And given history, and why whitewashing occurs, and why so many of us seem to think that a brown-skinned character is repellent or undesirable… it’s not fair to our society as a whole to keep perpetuating that kind of thinking. That’s the kind of thinking that said a black man could never be president of the United States; it’s outdated and wrong.

Ich übersetze:

Wenn ein Buchcover einen Charakter zeigt, muss es die Essenz des Charakters einfangen. Ich denke die meisten von uns würden zustimmen, dass gewisse Faktoren unseres Hintergrunds und unserer sozialen Position helfen diese Essenz zu formen. Geschlecht, Ethnie, sexuelle Orientierung, Alter, Klasse; unser Beruf, die Menschen, die uns nahe stehen, unsere Nationalität; diese Faktoren sind natürlich nicht das A und O unserer Persönlichkeit. Aber wenn man sie verändert, werden wir zu anderen Menschen. Nicht besser oder schlechter, aber anders. Die Hautfarbe eines Charakters zu verändern, verändert die Essenz des Charakters. Und weil der Protagonist normalerweise grundlegend für die Geschichte ist, verändert dies auch die Essenz der Geschichte. Coverbilder, sollten ein Buch bereichern, sie sollten es nicht verändern. Es ist nicht fair den Lesern gegenüber sie glauben zu lassen, dass sie eine bestimmte Art von Geschichte bekommen, wenn sie etwas anderes bekommen. Es ist auf jeden Fall nicht fair der Autorin gegenüber, weil es andeutet, dass der Verlag eigentlich will, dass sie etwas anderes geschrieben hätte. Und wenn man sich die Geschichte anschaut und warum Whitewashing passiert, und warum so viele von uns anscheinend denken, dass dunkelhäutige Charaktere abstoßend oder unerwünscht sind… es ist nicht fair der Gesellschaft als Ganzes gegenüber dieses Denken aufrechtzuerhalten. Das ist die Denkweise, die sagt, dass ein schwarzer Mann nie Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte, und dies ist veraltet und falsch.

Ich muss N.K. Jemisin hier recht geben. Ich sehe keinen Grund, warum Yeines Aussehen auf dem Cover verändert wurde. Man hätte doch ein Cover mit einer dunkelhäutigen Frau unter einer Kapuze erstellen können. Lieber Blanvaletverlag, was soll das Ganze?

Jetzt kommen wir aber zum Roman. Entgegen dem was der Klappentext andeutet, ist die Erbin der Welt primär kein Liebesroman. Es gibt zwar eine Beziehung zwischen Yeine und Nahadot und diese nimmt ein paar Szenen in Anspruch, doch darauf liegt nicht der Fokus der Handlung. Die Erbin der Welt ist fast schon ein Familiendrama, denn der Roman beleuchtet stark die komplexen Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitgliedern der herrschenden Aramerifamilie, zwischen den verschiedenen Göttern und zwischen Göttern und Menschen. Zwar ist Nemisins Debüt kein actionlastiger Roman und auch, wenn er einige Szenen, in denen es um Politik geht, enthält, steht diese nicht im Vordergrund der Handlung, trotzdem wurde mir beim Lesen des Romans nie langweilig. Dafür waren die verschiedenen Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren viel zu interessant. So stark in dem Roman Beziehungen beleuchtet werden, so schade ist es meiner Meinung nach, dass die Autorin mit der Beziehung zwischen Yeine und Nahadot ein bisschen Potenzial vergeudet hat. Auch wenn zwischen den beiden eine Bindung entsteht, bleibt diese vor allem auf sexueller Ebene, obwohl es hier Raum für eine tiefere, emotionale Entwicklung gegeben hätte.

Da das Buch sich so stark mit Beziehungen beschäftigt, sind die darin vorkommenden Charaktere äußerst wichtig. Mit Yeine schuf Jemisin eine sympathische Protagonistin, die sich von den Intrigen und Etiketten des Palasts nicht verbiegen lässt. Allerdings ist Yeine mehr Erzählerin, als Heldin des Romans, da sie das Geschehen kaum vorantreibt. Die faszinierendsten Charaktere in Die Erbin der Welt sind sicherlich die Götter, diese sind zum Teil wahre Naturgewalten, die nach ihren eigenen Regeln leben wollen, aber sie sind gleichzeitig menschlich und verletzlich. Die Götter wurden von den Arameri versklavt und leben seit Jahrhunderten in Gefangenschaft. Nemisin bringt hier besonders gut den Schmerz und die Trauer dieser Charaktere rüber. Die menschlichen Charaktere des Romans sind ebenfalls komplex und vielschichtig. Nemisin schaffte es sogar mich ein bisschen mit Yeines Großvater, einem grausamen Tyrannen, mitfühlen zu lassen. Einzig Yeines Cousine Scimina, eine weitere Erbin, ließ an Komplexität zu wünschen übrig. Sie wirkt wie eine klischeehafte Antagonistin. Sie will Macht um der Macht willen, ist sadistisch und erinnert uns jedes Mal, wenn sie auftritt daran, wie böse sie ist.

Ein Highlight des Romans war für mich definitiv Nemisins Schreibstil, der äußerst poetisch ist. Die Erbin der Welt ist in der ersten Person geschrieben, eine Perspektive, welche ich normalerweise nicht so sehr mag, die hier aber perfekt funktioniert. Yeine durchbricht an einigen Stellen die vierte Wand und spricht die Leser_innen direkt an, was dazu beiträgt, dass wir die Welt, welche die Autorin geschaffen hat besser verstehen. Diese war ebenfalls interessant und es war angenehm mal eine Fantasygeschichte, die in einer Welt, welche nicht vom europäischen Mittelalter inspiriert wurde, zu lesen. Die Erbin der Welt spielt vor allem in dem Machtzentrum der Welt, dem Palast Elysium, welcher einige  Geheimnisse verbirgt. Gleichzeitig geht die Geschichte auch auf Yeine Heimatnation Darr ein und zeichnet einen Kontrast zwischen dem Volk der Darr und den herrschenden Arameri. Wir erfahren ebenfalls wie es letzteren gelang sich zu den Herrschern der Welt aufzuschwingen und die Götter zu versklaven. An dieser Stelle behandelt der Roman Themen wie Rassismus und Kolonialmus, Sklaverei und den Missbrauch von Macht. Dies geschieht jedoch auf eine eher subtile Weise.

Alles in allem ist Die Erbin der Welt Welt ein äußerst gelungener Debütroman. Zwar gibt es kleinere Kritikpunkte, doch lässt sich Nemisins schriftstellerisches Talent in diesem Buch erkennen. Zusätzlich bietet der Roman eine faszinierende Welt, mit komplexen Charakteren und einer unterhaltsamen Geschichte. Dieses Buch macht Lust auf mehr und es wird bald eine Rezension des zweiten Bands folgen.

Von mir gibt es hierfür 8 von 10 Punkten.

Links:

Wortmagie Blogs Rezension

Englischsprachiges Interview mit der Autorin

Advertisements

7 Kommentare

  1. wortmagieblog · 14 Days Ago

    Eine tolle Rezension, ich fand es interessant, dass wir uns in eigentlich allen Punkten komplett einig sind und dir ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen wie mir. Weiter so! 😀

    LG
    Elli

    Gefällt mir

  2. Isbel · 5 Days Ago

    Hey,
    die komplette Reihe habe ich auch auf meinem SuB liegen. Muss ich irgendwann mal in Angriff nehmen. Ich muss ja sagen, dass ich Personen auf Covern selten gut finde. Zum einen finde ich solche Cover meist langweilig und dann die von dir angesprochene Tatsache, dass das Aussehen nicht zur Beschreibung passt. Wie schwer ist es denn, ein Model zu finden, was der Beschreibung ähnlich ist? Ich glaube nicht, dass das schwer ist. Aber wahrscheinlich denken die MarketingLeute eher daran, welches Model die Leser mehr anzieht. Klar ist es schön für ein Buch, wenn ein Blick reicht, damit man nach dem Buch im Laden greift, aber nach dem Lesen bin ich als Leser dann immer von solchen Covern enttäuscht. An dem Cover oben wäre ich wahrscheinlich vorbeigelaufen, wenn ich mich nur an Covern orientieren würde.
    Gruß Isbel

    Gefällt 1 Person

    • reisenderbuecherwurm · 4 Days Ago

      Hallo Isbel,
      ich kann dir die Reihe auf jeden Fall empfehlen. Den zweiten Teil fand ich etwas schwächer, aber auch gut und ich lese aktuell den dritten Band, welcher mich bisher nicht enttäuscht.
      Was das Cover angeht denke ich auch, dass das aus Marketinggründen getan wurde, was es aber nicht entschuldigt.
      Ich finde Cover mit Menschen drauf auch meist nicht so interessant und Cover mit verhüllten Gestalten drauf gibt es im Fantasygenre wirklich en masse. Da hebt sich dieses Cover im Laden nicht von der Masse ab.
      LG
      Elisa

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s